Zeitung: Euro am Sonntag, Ausgabe 06/2010
Zeitung: Euro am Sonntag, Ausgabe 06/2010
Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation werde sich eine Kreditklemme in der Branche wahrscheinlich nicht vermeiden lassen, glaubt KlöCo-Chef Gisbert Rühl. Sie würde die große Mehrheit der Stahl- und Metalldistributeure treffen, die nicht börsennotiert sind.
Euro am Sonntag: Herr Rühl, warum kommen Stahlhändler, deren Geschäftsmodell bisher als krisenresistent gilt, jetzt dennoch stark in die Bredouille?
Gisbert Rühl: Während der ersten Phase der Wirtschafts- und Finanzierungskrise konnten Distributoren ihr Umlaufvermögen durch die Reduktion der Lagerbestände, stark senken. Damit haben sie die frei verfügbaren finanziellen Mittel (Cashflow) deutlich erhöht. Aufgrund der anhaltend schwierigen Bedingungen in der Finanzierung laufender Geschäfte könnten in der nächsten Zeit die frei verfügbaren Mittel bei einigen Distributoren versiegen. Damit fehlt ihnen das Geld zum Aufbau der Lagerbestände, um lieferfähig zu sein, wenn es wieder aufwärts geht.
Euro am Sonntag: Klöckner & Co selbst hat sein Umlaufvermögen bis September 2009 von 1,7 Mrd. Euro zum Ausbruch der Krise auf 700 Mio. Euro um eine Milliarde Euro abgebaut und den Cashflow damit von 32 auf 541 Mio. Euro erhöht. Wollen Sie das Niveau halten, um den Cashflow zu schonen?
Gisbert Rühl: Bei dem erwarteten Umsatzwachstum von mindestens 10 % im laufenden Jahr steigt auch das Umlaufvermögen (Net Working Capital) zwar wieder an, in Relation zum Umsatz aber deutlich geringer als in den vergangenen Jahren. Vor der Krise lag das Verhältnis zwischen Umlaufvermögen und Umsatz zwischen 21 und 27 %. Aktuell liegt es bei 15 %. Auf Basis der getätigten Optimierungen entlang unserer Wertschöpfungskette gehen wir davon aus, dass wir das Verhältnis grundsätzlich unter 20 %halten können.
Euro am Sonntag: Klöckners Extra-Chance als börsennotiertes Unternehmen bei Zukäufen liegt im guten Zugang zum Kapitalmarkt. Der fehlt den meisten Konkurrenten, weil die nicht börsennotiert sind.
Gisbert Rühl: Das ist ein wichtiger Punkt. Aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Situation wird sich eine Kreditklemme in der Branche in den kommenden Monaten wahrscheinlich nicht vermeiden lassen. Das könnte die große Mehrheit der Stahl- und Metalldistributeure treffen, sowohl in Europa, wo nur drei börsennotiert sind, als auch in den USA, wo zwar mehr, insgesamt aber auch nur ein sehr geringer Anteil der Distributeure börsennotiert ist.
Euro am Sonntag: Sind Ihnen deshalb auch die jüngsten Zukäufe Becker Stahl-Service mit 600 Mio. Euro Umsatz und Bläsi mit 32 Mio. Euro ins Netz gegangen?
Gisbert Rühl: Sowohl die Becker Gruppe als auch die schweizerische Bläsi AG sind zwei Unternehmen, die sehr gut durch die Krise gekommen sind. Die Becker Stahl-Service Gruppe hat ihre Profitabilität während dieser Zeit sogar noch verbessert. Mit beiden haben die Verhandlungen schon vor Ausbruch der Krise begonnen. Wir mussten zu Beginn der Krise allerdings zunächst unser eigenes Unternehmen krisenfest aufstellen.
Euro am Sonntag: Wird sich auch Klöckner & Co als Konsequenz aus der Finanzkrise künftig noch stärker über den Kapitalmarkt refinanzieren?
Gisbert Rühl: Das Umlaufvermögen, das sogenannte Working Capital, decken wir weiter über Bankkredite und verbriefte Forderungen (Asset Backed Securities) ab. Zukäufe werden wir jedoch über den Kapitalmarkt, also langfristig über Anleihen oder Kapitalerhöhungen finanzieren.
Euro am Sonntag: Bisher hat Klöckner & Co seine Kunden überwiegend in der Baubranche sowie im Maschinen- und Anlagenbau. Die Becker Stahl-Service Gruppe fährt 60 % von 600 Mio. Euro Umsatz in der Autobranche ein. Wollen Sie mit Zukäufen ihr Branchenspektrum weiter ausbauen?
Gisbert Rühl: Mit Becker Stahl-Service haben wir unsere Präsenz in der Autobranche von sechs auf 12 % des Umsatzes verdoppelt. Der Anteil der Kunden aus der Baubranche fällt damit unter 40 %. Es ist gut vorstellbar, dass dieser Anteil durch Zukäufe weiter sinken wird. Allerdings suchen wir unsere Kandidaten in Europa nicht nur nach ihrem Kundensegment aus. In Europa wollen wir über Zukäufe vor allem mehr Tiefe in der Wertschöpfungskette und eine höhere Marge erreichen.
Euro am Sonntag: Bitte erläutern Sie!
Gisbert Rühl: Bislang mussten wir die Flachstahlerzeugnisse bei Service-Centern ankaufen und meist ohne Schaffung von Mehrwert mit geringen Margen weiterverkaufen. Mit Becker Stahl-Service können wir künftig unsere eigenen Standorte beliefern und integrieren einen Teil der zum Hersteller gerichteten Wertschöpfungskette, was uns eine effizientere Belieferung unserer Lager und zudem durch einen höheren Anarbeitungsgrad höhere Margen ermöglicht.
Euro am Sonntag: Was wird die Integration der Becker Stahl-Service Gruppe darüber hinaus im Konzern verändern?
Gisbert Rühl: Aufgrund ihres speziellen Know-hows und der hohen Kompetenz bei individuellen Lösungen bleibt das Unternehmen innerhalb des Klöckner & Co-Konzerns ein eigenständiger Bereich und wird durch die zielgerichtete Belieferung unserer Standorte in Deutschland und Teilen von Europa mit Feinblechen hohe Synergieeffekte für uns erzielen. Dadurch, dass wir schneller und flexibler über Becker unsere Standorte beliefern können, können wir unsere Lagerbestände im Flachstahlbereich in weiten Teilen Europas optimieren.
Euro am Sonntag: Werden Sie mit dem Kauf eines US-Konkurrenten der Becker Stahl-Service Gruppe ihre Europa-Strategie nach Amerika übertragen?
Gisbert Rühl: Es muss dort noch nicht unbedingt ein Stahlservicecenter wie Becker sein. Im US-Markt sind wir erst die Nummer 10, in den europäischen Ländern liegen wir dagegen immer auf einem der ersten drei Plätze. Auch in Amerika wollen wir mittelfristig unter die ersten drei.
Euro am Sonntag: Also ist 2010 in den USA ein Zukauf in der Größenordnung von Becker Stahl-Service mit 600 Mio. Euro Umsatz realistisch?
Gisbert Rühl: Bei einer entsprechenden Gelegenheit wäre es möglich. Es kommt aber wie immer bei Akquisitionen auf die sich ergebenden Opportunitäten an.
Euro am Sonntag: Die Autohersteller im Stahlgeschäft sind eigentlich das Revier von großen Produzenten wie Arcelor oder ThyssenKrupp.
Gisbert Rühl: Das gilt in jedem Fall für die Außenhaut, nicht aber für Innen- und Strukturbauteile. Außerdem nimmt Becker Stahl-Service Gruppe eine Sonderrolle ein. Das Unternehmen betreibt eines der größten und modernsten Stahl Service Center Europas und kann zudem sehr flexibel auf die Wünsche der Kunden eingehen.
Euro am Sonntag: Dann ist der Stahl- und Metalldistributeur Klöckner & Co für Stahlkocher überraschend und erfolgreich auf neues Territorium vorgedrungen?
Gisbert Rühl: Es haben sich viele, auch Produzenten, um die Becker Stahl-Service Gruppe beworben. Uns hatte bis zuletzt niemand auf der Liste. In Deutschland ist Becker Stahl-Service die Nummer zwei nach ThyssenKrupp und vor ArcelorMittal und Salzgitter. Mit unserem Einstieg bleibt das Unternehmen sozusagen in neutraler Hand, womit alle gut leben können.
Euro am Sonntag: Wieso?
Gisbert Rühl: Zunächst ist Becker Stahl-Service ein jeweils bedeutender Kunde der wesentlichen Flachstahlproduzenten in Europa. Außer dem potentiellen Käufer hätten damit alle anderen Produzenten Geschäft verloren. Darüber hinaus hätte Becker Stahl-Service bei einer Integration in die Service-Center Organisation eines Stahlproduzenten einiges von seiner Flexibilität verloren. Das war letztendlich auch ein wesentlicher Grund, warum die Verkäufer das Unternehmen an uns veräußert haben. Sie wollten sicherstellen, dass die erfolgreiche Strategie des Unternehmens in den letzten Jahrzehnten fortgesetzt werden kann. Innerhalb der Klöckner & Co-Struktur kann die Becker Stahl-Service Gruppe unabhängig bleiben und ihre eigene Strategie weiterentwickeln. Ihre Spezialisierung und Problemlösungskompetenz bleiben erhalten.
Euro am Sonntag: Also bringt der Kauf von Becker Stahl-Service für Klöckner & Co noch mehr als eine nachhaltig höhere operative Marge?
Gisbert Rühl: Ja. Wir können die bereits erläuterten Synergieeffekte in der internen Belieferung und im Einkauf ausschöpfen und zudem das Unternehmen weiter ausbauen.
Euro am Sonntag: Obwohl China den Stahlmarkt als Region dominiert, ist Klöckner in Asien nicht präsent.
Gisbert Rühl: Seit zwei Jahren haben wir ein Büro in Shanghai, um den chinesischen Markt zu beobachten und auch um dort Stahl einzukaufen.
(Quelle: Euro am Sonntag, Ausgabe 06/2010, Autor Klaus Schachinger)