Zeitung: Handelsblatt, Nr. 025 vom 05.02.2010
Zeitung: Handelsblatt, Nr. 025 vom 05.02.2010
Wer an der Spitze von Europas größtem Stahlhändler Klöckner & Co einen ausgefuchsten Verkäufer erwartet hätte, der sieht sich getäuscht. Gisbert Rühl ist ein Mann der leisen Töne. Seine der westfälischen Herkunft geschuldete Zurückhaltung gilt es jedoch nicht zu unterschätzen.
Am Montag wird der 51-Jährige die ersten 100 Tage als Klöckner-Chef absolviert haben - und seine Bilanz kann sich sehen lassen. So tätigte er mit dem Kauf des Wettbewerbers Becker Stahl-Service die größte Akquisition seit dem Börsengang von Klöckner. Kurze Zeit später folgte der Erwerb der Schweizer Bläsi-Gruppe.
Rühl ist ein Mann voller Ehrgeiz. Bereits im Alter von 30 Jahren wusste er, dass er Vorstandsvorsitzender werden will und kann. Sein Ziel hat er mit Mitte 30 erreicht, als er Chef von Rütgers Automotive wurde. Nachdem er die Firma erfolgreich saniert hatte, ging es über die Stationen Babcock Borsig und die Unternehmensberatung Roland Berger zu Klöckner nach Duisburg, wo er im Juli 2005 zunächst Finanzvorstand wurde.
Seit November ist er auch Vorstandsvorsitzender und muss aus dem Schatten seines Vorgängers Thomas Ludwig heraustreten. Ludwig genoss in der eng verdrahteten Branche hohes Ansehen, wurde als "Mr. Klöco" bezeichnet und hatte den Konzern im Jahr 2006 an die Börse gebracht. Rühl, dunkler Anzug, Einstecktuch und dazu passende Krawatte mit Fabelwesen, ist selbstbewusst gestartet. "Mir hat die Arbeit als Finanzvorstand viel Spaß gemacht, als CEO macht sie noch mehr Spaß", sagt er. Die neue, volle Verantwortung nutzt er seitdem, um Klöckner seinen Stempel aufzudrücken. Der Personalentwicklung will er künftig mehr Platz einräumen, die Holding soll mehr in das operative Geschäft eingreifen. Bislang haben die Landesgesellschaften des MDax-Konzerns eigenständig agiert. Über eine Bündelung beim Einkauf und bei der Logistik will Rühl Synergien heben.
Weitere Zukäufe hält sich der knapp zwei Meter große Manager offen. "Wir haben die Kraft, weitere Akquisitionen zu stemmen", sagt Rühl dem Handelsblatt. Dies gelte sowohl von der finanziellen Seite wie auch von den Managementkapazitäten. "Wir haben noch Potenzial. Von den 600 Mio. Euro, die wir für Akquisitionen zur Verfügung hatten, ist noch mehr als die Hälfte vorhanden." Den Fokus legt Rühl weiter auf die bestehenden Märkte Europa und Nordamerika. Nachholbedarf sieht er in den USA, wo Klöckner auf Rang zehn der größten Stahlhändler liegt. In den europäischen Ländern belegt der Konzern Platz eins oder zwei. Seine Strategie zielt darauf, durch Übernahmen Synergien zu heben. Organisches Wachstum im Stahlgeschäft gebe es in Europa und Nordamerika nicht, sagt Rühl.
Der Wirtschaftsingenieur tastet sich daher an neue Märkte ran. "Wir verfolgen die Entwicklung in den Bric-Staaten (Brasilien, China, Indien, Russland) sehr genau." Die Stahlindustrien dieser Schwellenländer verzeichnen enorme Zuwachsraten beim Stahlabsatz.
Im Blick hat der Klöckner-Chef vor allem den weltweit größten Stahlmarkt: "In China prüfen wir mögliche Strategien für einen Markteintritt", sagt er. In den kommenden Jahren wolle der Konzern dort Fuß fassen. "Eine Möglichkeit für eine Expansion in den wichtigsten Stahlmarkt könnte eine Belieferung von bestehenden Kunden aus Europa und Nordamerika sein." Eine Akquisition wäre dann nicht erforderlich. Potenzial sieht Rühl auch in Russland. "Da würden wir aber erst einmal abwarten, wie sich die Wirtschaft aktuell weiterentwickelt." Russland gehört zu den Ländern, die von der Konjunkturkrise besonders hart getroffen wurden.
Nach dem drastischen Einbruch im vergangenen Jahr - der Umsatz schrumpfte in den ersten drei Quartalen um 44 % auf drei Mrd. Euro - blickt der dreifache Familienvater mit etwas mehr Zuversicht auf 2010, auch wenn er die Krise nicht überwunden sieht. Der Absatz dürfte um zehn Prozent anziehen. Ein zufriedenstellendes Ergebnis werde Klöckner nicht erreichen können, "aber ein deutlich besseres als 2009".
(Quelle: Handelsblatt, Nr. 025 vom 05.02.2010, Seite 71, Autor Martin Murphy)